Gottesdienst am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr, 15. November 2020

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Predigttext: Mt 25,31–46

31Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, 32und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.
34Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.
37Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? 39Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
41Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! 42Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. 43Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.
44Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient?
45Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. 46Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,
der vorletzte Sonntag des Kirchenjahres ist heute und es geht um letzte Dinge. Alle biblischen Texte reden über das Gericht Gottes und darüber, welche Konsequenzen das für unser Leben haben sollte.

Unser Evangelium heute ist eine Gerichtsverhandlung. Da gibt es den Ankläger und den Angeklagten. Es wird miteinander geredet. Es werden Fragen und Gegenfragen erlaubt. Nachfragen ist möglich. Und letztlich steht dann aber am Ende das Urteil fest: Es geht nur nach rechts oder links. Es gibt nur ewige Verdammnis oder das ewige Reich. Da entscheidet eine letzte Instanz darüber, was jeder einzelne zu erwarten hat. Dann ist nichts mehr möglich. Keine Berufung, die mehr eingelegt werden könnte, wird zugelassen.

Irgendwie können wir Protestanten mit diesem Bild von Gott nur schwer leben. Wenn nur das Tun zählt, nicht aber mein Glaube. Wenn ich beurteilt werde nach dem, was ich praktisch vollbracht habe und nicht nach dem, was noch so in mir schlummert. Durch den Glauben allein schon gerechtfertigt, ohne Werke angenommen und geliebtes Kind Gottes, so sehen wir uns.
Das schmeckt uns meistens eher nicht, wenn es klare Entscheidungen geben soll, die allein das Tun betreffen. Wir reden davon, dass schon alle zur rechten Gottes stehen werden. Alle sind geliebte Kinder Gottes, die den Himmel erben werden. Aber das stimmt in diesem Text einfach nicht. Das müssen wir uns sagen lassen: Es gibt auch eine andere Seite. Es kann ein böses Erwachen geben.
Ja und was muss ich tun, damit es kein böses Erwachen gibt, sondern ein gutes?
Was macht uns gerecht? Das sagt uns das Evangelium deutlich: Macht die Menschen satt, wenn sie hungern. Gebt ihnen zu trinken, damit sie nicht verdursten müssen. Nehmt die Fremden auf. Gebt Kleidung denen, die das brauchen. Kümmert euch um Kranke. Geht zu den Gefangenen.
Schafft ihr das, dann ist der richtige Weg vorgezeichnet. Schafft ihr das nicht, dann ist der Weg ebenfalls klar. „Was ihr getan habt, einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ oder eben auch gerade nicht, legt Matthäus Jesus in den Mund. Ja und genau deshalb kümmern sich Christen um andere Menschen.
Es geht um die Menschenwürde in all diesen Werken der Barmherzigkeit. Es geht darum, sich einzusetzen als Mensch für den Menschen. Es geht um jeden Einzelnen. Das ist der Maßstab, mit dem unser Leben gemessen und bewertet wird: Nächstenliebe, Sorge für die Schwachen und Unterdrückten, Einsatz für die Geringsten.
Als Christen haben wir die Aufgaben der Barmherzigkeit professionalisiert. Und wir haben noch viele Aufgaben mehr angenommen. Können wir uns also zurücklehnen? So nach dem Motto: Meine Kirchensteuern sorgen schon dafür, dass das erledigt wird. Ich zahle und fertig ist der Lack.
Diese Werke der Barmherzigkeit versuchen christliche Kirchen zu realisieren. Dazu gibt es das große Werk von Caritas, Brot für die Welt und Diakonie. Deshalb engagieren wir uns hier und weltweit. Weil wir genau das tun sollen und auch wollen. Ob das immer gelingt? Ob wir dabei jedem gerecht werden? Sicher nicht, aber versuchen sollten wir es.
Wer nach Rummelsberg kommt, dem wird das vor Augen gestellt. Dort gibt es ein Altarbild, dass nicht nur den Diakonen zeigen soll: So geht es. Macht es so. Sie haben ein Bild in der Hand. Sie können sehen, was Diakonie ausmacht. Sieben Männer stehen hier. Sieben Männer, die die Aufgaben aus dem Matthäusevangelium um eine weitere Aufgabe erweitern: Das Bestatten von Verstorbenen. Sieben Männer, die sich kümmern, die stellvertretend für alle die stehen, die sich täglich einsetzen.
Gottes Anspruch an uns ist hoch. Er verlangt: Seht hin und greift ein, wenn einer in Not ist. Kümmert euch umeinander. Schaut nicht weg, sondern lasst euch von der Hilfsbedürftigkeit anrühren und tut das gute Werk. Lasst nicht verhungern, nicht verdursten. Lasst nicht erfrieren und jemanden in Blöße dastehen. Nehmt den auf, der kein Dach über dem Kopf hat. Lasst Kranke nicht allein liegen und sorgt euch um die Gefangenen. Wenn ihr mir etwas Gutes tun wollt, so tut es denen, die es wirklich brauchen, so könnte uns Gott entgegenhalten.
Nun könnten wir uns hier tatsächlich zurücklehnen. „Alles erledigt, lieber Jesus“, könnten wir sagen. Es gibt die Krankenhäuser, die sich um die Kranken kümmern. Außerdem kommt doch die Diakonie zu denen nach Hause, die dort leben wollen. Wir haben Altenheime mit gutem Standard. Es gibt die Wasserversorgung, die ein Grundrecht ist und alle bekommen gutes, sauberes Wasser ins Haus. Es gibt die Unterkünfte für Obdachlose oder Fremde, die hierherkommen. Es gibt die Gefängnisseelsorge und die Krankenhausseelsorge, die sich der Menschen annehmen. Es gibt doch die Kleiderbörse der Diakonie und viele Menschen werden dort versorgt. Die Tafeln versorgen die mit Lebensmitteln, die nicht viel haben. Der Staat tritt mit Leistungen ein, wenn einer das nötig hat.
Damit ist doch letztlich alles getan. Für alle ist gesorgt!
Aber genau damit sollen wir uns nicht zufrieden geben! Das reicht eben noch nicht aus. Unsere Anstrengungen müssen sich erhöhen.
Es gibt noch immer Hungrige auf dieser Welt. Noch immer haben Menschen Durst. Noch immer sind Menschen ohne Kleidung unterwegs. Noch immer gibt es Fremde, die vor der Tür stehen. Noch immer sind Menschen ohne Unterstützung krank und gefangen.
Von den sieben Männern möchte zwei herausgreifen: Den Zweiten von links (Gefangene besuchen) und den Mann in der Mitte (Kranke heilen).
Wieviele Gefängnisse gibt es eigentlich? Hier in Bayern? Sind es 36. In Deutschland? Es gibt 179 JVAs. In Europa? Weltweit? Zur Zeit leben etwa 11 Millionen Menschen in Gefängnissen auf der ganzen Welt. Weshalb müssen Menschen hinter Gittern leben? Oft selbst verschuldet, selbst gewollt, selbst gemacht. Oft mit großer Schuld und doch sind sie Menschen.
Wie gern würden wir wegsehen, dass es so etwas gibt wie Gefängnisse. Sie passen nicht so recht ins Bild. Und wer will sich schon abgeben mit den Verbrechern? Sollen die doch in ihrer Zelle schmoren. Ist nur recht so, schließlich sitzen sie dort nicht ohne Grund.
Menschen im Gefängnis, sie haben in der Regel Böses getan und gegen Gesetze verstoßen. Es ist so gekommen, warum auch immer. Gefangene sind einsame Menschen. Ihnen fehlen wichtige Dinge, die unser Leben ausmachen: sich frei zu bewegen, sich zu verabreden, sich zu treffen, sich einen Kaffee kochen zu können, einfach so, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und einfach mal einen Anruf zu tätigen, eine Nachricht zu schreiben. Einfach zu tun, was man gern möchte. Und diese Einsamkeit, die tut oft mehr weh als die Unfreiheit und die Gitter, die Mauern, die ständige Überwachung. Sie brauchen Menschen, die sie als Menschen wahrnehmen und annehmen. Da braucht es jemanden, der den Menschen sehen kann, nicht allein die Straftat.
Doch nicht jeder Gefangene sitzt im Gefängnis. Auch unter uns leben Menschen, die in Zwängen und Abhängigkeiten leben. Sie sind gebunden an Drogen, an Alkohol. Diese Menschen sind gefangen durch die Umstände ihres Lebens. Sie sind auf Hilfe von außen angewiesen. Da bemüht sich Diakonie, da bemühen sich Psychologen, da soll Hilfe her. Da braucht es Menschen, die mehr sehen als den Süchtigen, da braucht es Menschen, die den Menschen sehen.
Da ist uns aufgetragen: Geht hin und nehmt euch dieser Menschen an! Kümmert euch darum, dass diese wieder zurückfinden können in ein Leben nach dem Gefängnis. Führt sie aus der Sucht, aus dem was sie gefangen hält. Aber seht auch auf die, die wirklich hinter Gittern sitzen.

Der vierte Mann, der Mann in der Mitte hat ein weißes Gewand und eine braunen Überwurf. In der Hand trägt er ein aufgeschlagenes Buch und eine gelbe Blume. Sein Auftrag: Kranke heilen.
Die Medizin hat große Fortschritte gemacht. Es werden Medikamente entwickelt, Therapien gefunden, neue Möglichkeiten der Behandlung von Kranken. Manche Krankheit konnte geheilt werden, manches Leid gelindert werden, manch ein Leben noch einige Jahre erhalten bleiben. Doch sind Krankheit und Schmerz noch lange nicht beseitigt. Aber die Medizin allein reicht eben doch nicht aus, gesund zu werden.
Das erfahren wir gerade in bitterer Art und Weise. Ein kleines Virus bedroht die Gesundheit von Menschen. Und auch wenn die Zeichen für eine Impfung gut stehen, noch ist sie nicht da. Und was ist, wenn sie tatsächlich nur zu 90% wirkt? Was ist dann mit den 10%, die krank werden, vielleicht schwerstkrank? Und vielleicht sterben müssen?
Krankheit gehört zum menschlichen leben dazu. Keiner von uns, der noch nie krank war. Keiner, der keine Schmerzen kennt. Keiner, der bisher ungeschoren davongekommen wäre. Vielleicht mancher von uns mit leichteren Dingen, aber mancher auch mit Krankheitsgeschichte, die sich wie ein Horror-Roman lesen lassen. Doch Krankheit betrifft nicht nur den Körper. Sie kann auch die Seele erfassen. Dunkelheiten, die einen Menschen treffen, die niemand verstehen und nachvollziehen kann. Einen gebrochenen Arm zu heilen, das scheint leichter zu gehen, als eine gebrochene Seele wieder heil zu machen. Gesundheit ist aber mehr noch als die Abwesenheit von Krankheit.
Der ganze Mensch soll gesund sein. Darauf verweisen das aufgeschlagene Buch und die Arnikablüte. Nicht nur der Körper des Menschen bedarf der Heilung, sondern auch seine Seele. Es braucht immer wieder für jeden Menschen Zuneigung, Begleitung, Zuspruch, Gebet und Pflege.
Als Menschen sind wir eine Einheit aus Leib, Seele und Geist. Unser Leben soll wirklich heil werden.
Die Rummelsberger haben dafür Kliniken gebaut, ebenso die Franziskaner und andere christliche Gemeinschaften. Die Klöster vor dem Stadtmauern kümmerten sich im Mittelalter um die Kranken, die Siechen, die Ausgestoßenen. Heute ist das weitgehend professionalisiert. Auch wenn hier noch viel zu tun ist, damit die, die sich um Kranke kümmern auch eine gerechten Lohn erhalten.
Es braucht Anerkennung für diese Leistung. Es braucht mehr als einen Applaus. Es braucht eine Anerkennung, wie wichtig dieser Bereich ist.

Jesus sagt: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern“ und ich füge hinzu: meinen Schwestern, „das habt ihr mir getan.“ Die Nöte der Menschen haben sich im Laufe der Zeit verändert. Jesu Auftrag ist aber gleich geblieben.
Die sieben Männer stehen unter dem Kreuz Jesu Christi. Von dort erhalten sie ihren Auftrag, seine Liebe in Wort und Tat den Menschen zu bringen und zu bezeugen. Von dort erhalten sie die Kraft, die sie brauchen für ihren Dienst.
Ja, wie wird wohl unsere Gerichtsverhandlung am Ende ausfallen? Rechts oder Links? Ewiges Leben oder Verdammnis? Das haben wir in der Hand. Also packen wir es an, wir sind gefragt. Als gerechtfertigte Kinder Gottes dürfen wir nicht wegsehen. Wir sind dran. Machen wir die Welt zu einem besseren Ort. Geben wir Hungrigen und Durstigen Wasser und Brot und sorgen wir uns auch um den geistlichen Hunger und Durst. Geben wir denen ein Dach und Kleidung, die das brauchen und schenken wir ihnen mehr als das, nämlich ein menschenwürdiges Leben als Kinder Gottes.
Geben wir Kranken und Gefangenen die Chance auf ein Leben mit voller Teilhabe.
Aber noch eines muss ich zur Beruhigung der Nerven dann doch noch sagen. Nicht alles müssen und sollen wir allein tun können, denn das schafft niemand. Aber wir sollen im Kleinen beginnen.
Da werden Beispiele ins Feld geführt, die große Aufgaben darstellen, aber ich darf damit auch im Kleinen anfangen. Ich muss nicht gleich die ganze Welt retten, das verlangt keiner. Aber im Kleinen schauen, was ich bewirken kann, das ist möglich. Keiner muss Mutter Theresa sein, das verlangt niemand. Aber nicht wegschauen, wenn ich gebraucht bin, das ist schon der erste Schritt. Er verlangt nicht, dass es 10 oder 50 oder 100 oder 1000 Menschen sind, denen wir helfen. Matthäus schreibt: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Fangen wir mit dem Einen an.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.
Amen

Pfrin. Christiane Börstinghaus


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