Gottesdienst am Sonntag Kantate, 2. Mai 2021


Steine loben

 

Predigttext: Lukas 19, 37-40

37Als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, 38und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!
39Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! 40Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

Predigt

Liebe Gemeinde,

dass „Steine schreien“, ist ein ungewöhnliches Bild. Steine gelten gemeinhin als stumm, sprichwörtlich stumm. Stumm wie ein Stein, schweigsam wie ein Grab, das Gegenteil von singend oder sprechend oder schreiend.

Wenn Steine etwas mitteilen, dann, weil Menschen sie bearbeiten oder zum Sprechen bringen. Horst Gemeinhardt, der Baiersdorfer Stadtführer und Spezialist für jüdische Geschichte, der hat seinem Gang über den Judenfriedhof den schönen Titel gegeben „Die sprechenden Steine“. Aber natürlich sprechen die Grabsteine nicht von selbst, sondern weil Steinmetze ihnen Namen und Zahlen eingravierten, die Familiengeschichte erzählen, oder Symbole - Kronen und Blumen, Lebensbäume oder z.B. Mohnkapseln als Zeichen des ewigen Schlafes.
In dem Sinn sprechen Steine, teilen sie mit, was ihnen einst von Menschen anvertraut wurde. Von Menschen anvertraut oder von der Natur.
Auch Paläontologen lassen Steine sprechen, können entschlüsseln und herauslesen, was in der Vergangenheit war, ob an dieser Stelle einmal ein Vulkan war oder ein urzeitliches Meer, welche Pflanzen oder Tiere einst lebten.

Also, so stumm sind Steine denn doch nicht, aber dass sie dort das Wort ergreifen, wo Menschen schweigen, dass sie Gott loben mit lauter Stimme, wenn Menschen der Mund verboten wird, das ist ein Bild, das gedeutet werden will, so ungewöhnlich ist es.

Welche Steine hatte Jesus vor Augen, welche Lukas, der als einziger Evangelist das Wort von den schreienden Steinen mit dem Einzug Jesu in Jerusalem verbindet?

Von Jericho aus war Jesus in Jerusalem angekommen. Von Osten, von den Hängen des Ölbergs her näherte er sich und hatte schon die Vororte erreicht, Betfage und Betanien. Er kam in die heilige Stadt, mit dem Zionsberg in der Mitte, wo sich Himmel und Erde zu berühren schienen, obenauf der Tempel, in dem Gott wohnte.
Der 46. Psalm besingt diesen Sehnsuchtsort so: „Frisches Wasser strömt durch die Kanäle zur Freude der Menschen in Gottes Stadt. Dort hat der Höchste seine heilige Wohnung. Gott ist in ihrer Mitte, darum wird sie nicht wanken.“

Der Anblick der Stadt muss für die ankommenden Pilger überwältigend gewesen sein. Der antike Historiker Josephus schreibt: „Wie eine Burg ragte der Tempel über die Stadt, über und über mit dicken Goldplatten umhüllt. Und wenn die Sonne aufging, gab er einen Glanz wie Feuer von sich.“ Als ob die Steine jubelten.
Das muss einen ergriffen haben, die Herzen erhoben haben, näher zu Gott gebracht haben. Ich stelle es mir so vor, wie wenn wir von einer mittelalterlichen Kathedrale stehen, vielleicht vor Notre Dame, das ganz Europa bewegt, oder St. Lorenz, wo Touristen ins Staunen geraten, vielleicht auch ins Beten. Ich halte den Gedanken nicht für abwegig, dass die Stein gewordenen Gebete einer Kirche auch nach Schließung der Türen im stummen Gespräch mit Gott bleiben, stellvertretend, bis Menschen wieder einstimmen.
Aber „schreien“? „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien“, nicht singen, nicht sprechen, nicht summen, nicht beten, sondern: schreien.

Welche Steine hatte Jesus vor Augen, welche der Evangelist Lukas? 50, 60 Jahre liegen zwischen beiden. Viel war geschehen. Schreckliches war geschehen mit Jerusalem. Jerusalem, die Schöne, war fast genau 600 Jahre nach der ersten Zerstörung wieder dem Erdboden gleichgemacht worden, dieses Mal von den Römern, den Feldherrn Vespasian und Titus, beide später zu römischen Kaisern gekrönt. Nach langer Belagerung floss das Blut in Strömen, der Tempelschatz wurde geplündert und im Triumphzug durch Rom geführt, zahllose Gefangene deportiert und zum Bau des Kolosseums gezwungen. Da kamen wieder Steine ins Spiel, dort Blöcke von jeweils zwei Kubikmetern, je fünf Tonnen schwer in 50.000 Wagenladungen von den Steinbrüchen zur Baustelle gekarrt.
Welche Steine schreien lauter, die von Sklaven gestemmten in Rom oder die Ruinen in Jerusalems oder die der Lorenzkirche? Sie ist ja unglaublicherweise an ihrem Namenstag, dem Laurentiustag 1943 einem britischen Bombenangriff zum Opfer gefallen. Eine Luftmine explodierte im Chor, vernichtete das schöne Maßwerk der Fenster und zerstörte das Dach vollständig.
Sie haben allen Grund zu schreien, die Steine.

Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen.
Dein gnädig Ohr neig her zu mir und meiner Bitt es öffne;
denn so du willst das sehen an,
was Sünd und Unrecht ist getan,
wer kann, Herr, vor dir bleiben?
[EG 299,1]

Ich lese unseren Predigttext weiter:
1Und als Jesus nahe hinzukam und die Stadt sah, weinte er über sie ... 42und sprach: Wenn doch auch du erkenntest an diesem Tag, was zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen. 43Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen 44und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du besucht worden bist.

Der letzte Satz scheint mir der Schlüssel zum Verstehen sein: „weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du besucht worden bist“, natürlich nicht von irgendwem besucht, gemeint ist Gott. „Wenn doch auch du heute, zur rechten Zeit, erkannt hättest, was zum Frieden dient, in diesem Mann auf dem Esel deinen Heiland erkennen würdest.“

Manche haben es anscheinend erkannt. Sie loben Gott mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten. Sie hatten etwas gesehen. Heilung. Versöhnung. Erbarmen.
Die Jesus nachfolgen, erleben es damals wie heute. Heilung. Versöhnung. Erbarmen.
Eindeutig ist ihr Erleben allerdings nicht. Die Heilung kann natürlich auch auf Selbstheilungskräfte zurückgeführt werden, die Versöhnung auf eigenes Bemühen und das Erbarmen auf Sympathie. Und wer Liebe und Hass, Licht und Dunkel gegeneinander aufwiegt, kann leicht resignieren.
Gott loben, das kann beim besten Willen schnell im Hals stecken bleiben. Der Einwand der Pharisäer, zum Loben gibt es keinen Anlass, der Einwand hat viele gute Gründe.
Unser Erleben führt nicht einfach zu Gott. Wir brauchen Hilfestellung, damit wir nicht selbst versteinern oder unter den anderen Geschöpfen verstummen. Die singen ja womöglich selbstverständlicher das Lob Gottes. Wir brauchen andere, die uns mitnehmen, einstimmen, darauf aufmerksam machen: Schau den Glanz in diesen Frühlingstagen, berührt der nicht dein Herz? Das Wetteifern von Buschwindröschen, Veilchen, Himmelschlüsselblumen und Löwenzahn, ist das nicht ein Freudenschein? Das versöhnliche Wort, das dich erreicht, bringt das nicht Frieden?

Damit die Spuren Gottes nicht untergehen und nicht ständig schreiende Steine an unsere Stelle treten, brauchen wir Hilfestellungen.
Lieder sind solche Hilfestellungen.
Sie öffnen die Augen für das, was wir gerne übersehen. „Was haben wir auf dieser ganzen Erd, das uns, o Vater, nicht von dir allein gegeben werd?“ So werden wir persönlich gefragt. „Sollt ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihm nicht dankbar sein? Denn ich seh in allen Dingen, wie so gut er’s mit mir mein‘.“ Ich sehe es selten von allein, bestenfalls mal im Nachhinein. In allen Dingen sehen können, wie gut er’s meint, und das glauben zu können, dafür brauche ich die singende Gemeinde und den immer neu angestimmten Lobgesang.
Dass auch der von der Pandemie so eingeschränkt ist, setzt dem Glauben zu. Er braucht Stimulierung von außen.
Dass uns das Lob Gottes nicht ganz verloren geht, sondern wir in unserer Gemeinde eine Not-Ersatz-Form gefunden haben, dafür bin ich sehr dankbar.
Heute, am Sonntag Kantate, danke ich ganz besonders Ihnen, lieber Herr Ziegler, für Ihre Stimme, mit der Sie uns durch die Pandemie getragen haben. Sie singen stellvertretend für uns und im Wechsel mit uns. Sie lassen die Melodien nicht vergessen, geben dem Klagen und dem Schreien, dem Loben und dem Danken Ausdruck.
Sie helfen uns glauben, dass Jesus kommen ist, Grund ewiger Freude; dass er uns besucht, auch in dieser Notzeit.

„Such, wer da will, ein ander Ziel, die Seligkeit zu finden; mein Herz allein bedacht soll sein, auf Christus sich zu gründen.“

Amen.
 


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