Gottesdienst am Sonntag Invocavit, 21.2.2021


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Predigttext: Psalm 91

1Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt
und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,
2der spricht zu dem Herrn: / Meine Zuversicht und meine Burg,
mein Gott, auf den ich hoffe.
3Denn er errettet dich vom Strick des Jägers
und von der verderblichen Pest.
4Er wird dich mit seinen Fittichen decken, / und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.
Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,
5dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht,
vor dem Pfeil, der des Tages fliegt,
6vor der Pest, die im Finstern schleicht,
vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.
7Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite / und zehntausend zu deiner Rechten,
so wird es doch dich nicht treffen.
8Ja, du wirst es mit eigenen Augen sehen
und schauen, wie den Frevlern vergolten wird.
9Denn der Herr ist deine Zuversicht,
der Höchste ist deine Zuflucht.
10Es wird dir kein Übel begegnen,
und keine Plage wird sich deinem Hause nahen.
11Denn er hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,
12dass sie dich auf den Händen tragen
und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
13Über Löwen und Ottern wirst du gehen
und junge Löwen und Drachen niedertreten.
14»Er liebt mich, darum will ich ihn erretten;
er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen.
15Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; / ich bin bei ihm in der Not,
ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.
16Ich will ihn sättigen mit langem Leben
und will ihm zeigen mein Heil.«

Predigt

Liebe Gemeinde,

der 91. Psalm ist eine Szene mit drei Sprechern: Ein Beter, eine Beterin ist zu hören. Ein Prediger. Und: Gott selbst.

Stellen Sie bitte für einen Moment den Einwand zurück, dass Frau B., die eben die Verse sprach, bei allem Respekt doch nicht Gott selbst ist. Der Psalm meint es so, dass Gott zu hören ist.

Wer betet, spricht nicht ins Leere. Gott versichert: Ich höre, wenn du rufst. Invokavit. Vertrau mir, dass es gut wird, trotz Pest und Pandemie und Löwen und Schlangen und anstehender Insolvenz und unklarem Aufenthaltsstatus und was Menschen sonst plagt.

Manche meinen, dieses Psalmgebet sei im Tempel entstanden. Dort habe jemand Zuflucht gefunden, verfolgt von Klägern, berechtigten oder unberechtigten. In den schützenden Mauern des heiligen Ortes habe der Beter so etwas wie Asyl erhalten und seine Zuversicht zurückgewonnen: Ja, hier, bei dir Gott bin ich in Sicherheit. In deiner Nähe kann ich mich in Ruhe hinlegen. Im Schatten des Allmächtigen kann ich nächtigen, ohne die Angst, im Schlaf von meinen Verfolgern überwältigt zu werden.

Von alters her wird dieser Psalm im Nachtgebet der Kirche gebetet, wenn wir uns niederlegen und alles aus der Hand geben, auf der Schwelle zu den dunklen Stunden. „Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude, und nimm dein Küchlein an.“ Das haben manche von Ihnen noch gelernt.  „Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen: „Dies Kind soll unverletztet sein.“ So hat Paul Gerhardt den Psalm weiter gebetet und sich in Gott geborgen.

Bewahrt, hoffentlich bewahrt vor nächtlichen Schrecken oder Schreckgespenstern, sind wir früher oder später aber doch wieder mit den Problemen des Tages konfrontiert. Wir können uns ja nicht im Bett verkriechen oder in irgendeiner Schutzzone verstecken. Wir müssen die Orte, die uns bergen, wieder verlassen und uns auf die Pfeile einstellen, die des Tages fliegen und auf die Seuche, die am Mittag Verderben bringt.

Da kommt der dritte Sprecher ins Spiel. Hier am Lesepult stand er. Im Tempel waren das wohl Priester und andere Lebenskundige, vielleicht Sänger aus dem Chor, vielleicht erfahrene Seelsorgerinnen, Prophetinnen. Ihre Aufgabe war es, den Betenden, gut zuzureden, sie zu bestärken: Wenn du dich jetzt wieder aufmachst, denke daran, was du erfahren hast: Du hast selbst gesagt, Gott ist meine Zuversicht. Verlass dich darauf, auch wenn du jetzt deiner Wege gehst.

Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

Dass muss einem gesagt werden, gerade dann, wenn man nicht weiß, was kommt, und der Weg gefährlich werden könnte. Es braucht welche, die uns Mut machen, die hoffentlich etwas von Gott verstehen und vom Leben.

Die hier im 91. Psalm sprechen, scheinen solche zu sein. Sie reden das Leben nicht schön. Was sie sagen, zeigt, die kennen die Gefahren und trauen sich, sie anzusprechen, mal in Bildern, mal ganz konkret.

Für mich gehört das ja mit zu den Einsichten der Pandemiezeit, wie naiv wir oft vom Leben sprechen, als ginge immer alles glatt, als bekäme man alles in den Griff, als liefe alles immer so weiter, so gut. Als seien Katastrophen das ganz und gar Unwahrscheinliche.

Die Seelsorger oder Seelsorgerinnen am Tempel kannten das Leben besser, wissen um die Gefahren, die von Seuchen ausgehen. Sie wussten auch, es kann einen selbst treffen. Sie wussten, dass es wilde Tiere nicht nur im Märchen gibt. Manche lauern vor der Tür, manche im eigenen Herzen.

Es sind gute Seelsorger, die darum wissen. Es sind noch bessere Seelsorgerinnen, die auch um Gott wissen und es nicht bei Schreckensszenarien belassen - da würde man ja keinen Schritt vor die Tür gehen. Sie ermutigen uns: Auch wenn auf deinem Weg Steine liegen. Du gehst nicht allein. Gott hilft dir darüber hinweg, auf seine Weise. Seine Engel behüten dich auf all deinen Wegen.

Es ist kein Zufall, dass diese Psalmverse so beliebt sind, zu den am häufigsten gewählten Tauf- und Konfirmationssprüchen gehören. Sie helfen über die Schwelle, wo der bergende Raum verlassen wird, wo ein Menschenkind den Mutterleib verlassen musste, einer irritierend lauten, grellen, unübersichtlichen Welt ausgesetzt, oder wo ein Jugendlicher spürt: Die Freiheit hat ihren Preis hat, und der elterliche Schutz hatte durchaus seine Vorteile.

Es ist gut, wenn dann Begleiter in Erinnerung rufen: Gott geht mit und seine Engel tragen dich auch mal über ein Geröllfeld hinweg.

Oft gibt das Kraft. Nicht immer.

Es gibt Erfahrungen, die sprechen einfach dagegen, die stören das Gottvertrauen so massiv, da ist sogar der Frömmste nicht mehr erreichbar für gute Worte.

Die Bibel selbst weiß davon. Sie erzählt wenige Seiten entfernt die Geschichte von Hiob. Dem ist alles genommen. Sein Vertrauen auf Gott ist zerstört. Da ergreift ein guter Freund das Wort. Ein guter Prediger. Eigentlich vertrauenswürdig. Alles, was er sagt ist richtig. Alles kann er belegen. Alles steht in der Bibel, z.B. in unserm Psalm, den er wörtlich zitiert: Gott wird dich erretten. Vor den wilden Tieren wirst du dich nicht fürchten.

Für Hiob ist in diesem Augenblick alles falsch. Ihn hat es getroffen. Ihn hat der giftige Pfeil getroffen. Und die Frage ist nur, ob Gott ihn einfach fliegen ließ oder sogar selbst geschossen hat.

Da helfen menschliche Worte nicht weiter. Gott selbst muss das Vertrauen wiederherstellen. Bei Hiob tut er das tatsächlich. Er ergreift Hiob in der Tiefe, existentiell, so dass der schließlich sagt: „Ich hatte von dir, Gott, nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.“ Ich bereue mein Misstrauen.

Noch an anderer Stelle wird unser Psalm zitiert. Es wird Ihnen aufgefallen sein: im heutigen Evangelium [Mt 4,1-11]. Da kommt das schöne Engelswort nicht aus dem Mund eines Freundes, sondern aus dem Mund des Teufels, in einem teuflischen Spiel.

Der Versucher führt Jesus zum Tempel, auf den höchsten Punkt und lockt ihn: „Lass dich fallen und vertraue. Er wird seinen Engeln Befehl geben, und sie werden dich auf den Händen tragen.“

Teuflischer geht es nicht. Fallenlassen hätte wie Vertrauen ausgesehen, wäre aber kein Fallenlassen in Gott gewesen. Zurückweichen sieht aus wie mangelndes Vertrauen, ist aber das eigentliche sich Fallenlassen in Gott.

Die Engel kommen nicht auf Knopfdruck. Sie kommen, wenn Gott sie sendet. Man könnte ja meinen, sie scharwänzelten beständig um den Gottessohn herum, dienstbare Geister, die nachts das Lager bereiten und am Tag auch mal einen kleinen Flug organisieren. Tun sie nicht.

Das nächste Mal, dass von einem Engel in Jesu Nähe gesprochen wird, ist viele Kapitel später, erst im Garten Gethsemane. Da heißt es, dass Jesus ein Engel erschien. Manchmal wird er mit einem Kelch in der Hand gemalt. Und Jesus? Wieder verzichtet er auf Rettung durch ein Himmelswesen und betet: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst.

Jesus weicht nicht aus, er bleibt treu auf seinem Weg und bleibt bis zum letzten Atemzug in der Rolle des einfachen Beters, des ohnmächtigen Beters. Auch am Kreuz, wo er - Hiob ganz ähnlich - schreit: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Er steigt nicht herab und schwebt nicht davon. Er gibt sich ganz in die Hände des Vaters.

„Mein Gott, auf den ich vertraue.“ Wider allen Augenschein.
Jesus ist der Erste, dem auch das Ende, das gute Ende des Psalms zuteilwurde.

Gottes Versprechen:
»Er liebt mich, darum will ich ihn erretten;
ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.
und will ihm zeigen mein Heil.«

Er ist der Erste, dem Gott sein Heil in Fülle gezeigt hat. Er ist der erste, aber nicht der Letzte.

Amen.


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