Gottesdienst am Ewigkeitssonntag, 22. November 2020

Predigttext: 1 Kor 15, 35-38.42-44a

35Es könnte aber jemand fragen: Wie werden die Toten auferstehen und mit was für einem Leib werden sie kommen? 36Du Narr: Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt. 37Und was du säst, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern ein bloßes Korn, sei es von Weizen oder etwas anderem. 38Gott aber gibt ihm einen Leib, wie er will, einem jeden Samen seinen eigenen Leib.
42So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. 43Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft. 44Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Gibt es einen natürlichen Leib, so gibt es auch einen geistlichen Leib.


Herbstlaub

Foto: PIXNIO, Public domain (CC0)

Predigt

Liebe Gemeinde,

wir sind Verwundete. Die sich hierher aufgemacht haben, sind Verwundete. Bei manchen ist die Wunde schon etwas verheilt. Bei anderen reißt sie immer noch beim kleinsten Anlass auf. Bei manchen sitzt die Wunde ganz nahe am Herzen – der wichtigste Mensch ist gestorben. Bei anderen liegt sie weiter außen – ein wichtiger Mensch ist gegangen. Manche Wunde wurde durch die Corona-Pandemie noch vertieft – der Abschied erschwert, die Teilnahme an der Trauerfeier nicht möglich – andere Abschiede blieben davon unberührt.

Verwundet sind wir alle. In der ein oder anderen Weise ist unser Leben beschädigt. Der Tod hat eingegriffen in unser Leben, nicht nur nach den Lieben gegriffen, die wir hergeben mussten, sondern auch nach uns. Als Verwundete sind wir unseren Weg weitergegangen durch dieses Jahr.

Gott sei Dank nicht von Gott verlassen. Trost hat sich eingestellt. Anteilnahme, Anrufe, Umarmungen, weinen dürfen, auch mal wieder lachen, immer wieder erzählen oder auch mal schweigen können; in der Musik oder einem Bibelvers geborgen, vom guten Hirten schon mal wieder zum frischen Wasser geführt.

Wie der Tod viele Gesichter hat, so hat der Trost viele Farben. Der Herbst verbindet beides. Wer in diesen Tagen und Wochen durch den Wald geht, kann das Sterben mit Händen greifen und den Trost leuchten sehen. Das goldene Blatt, das langsam, tänzerisch zu Boden schwebt, gibt dem Sterben eine sanfte Bewegung. Das Beste gegeben, die Lebensaufgabe erfüllt, sich hingegeben, freigegeben, nun einverleibt in den Boden, aus dem neues Leben kommt.

Leben, Vergehen, im Idealfall Nährboden sein für neues Leben, das spielt sich um uns herum allenthalben ab. Vergehen verwundet, macht das Leben aber nicht sinnlos. Es kommt ganz auf das Danach an.

Das diskutiert Paulus mit seiner Gemeinde in Korinth, bzw. er schaltet sich ein in deren Diskussionen über das Danach: das Ob und Wie. In unserem Abschnitt geht es um das Wie: „Es könnte jemand fragen: Wie werden die Toten auferstehen?“

Wenn Sie selber gerade am „Ob“ hängen, bitte ich Sie, es für einen Moment stehen zu lassen. Es geht nicht verloren. Ich lade Sie ein, sich trotzdem auf die Gedanken zum Wie einzulassen.

Paulus geht zwar nicht durch den Wald, aber auch hinaus in die Natur, auf den Acker. Er nimmt ein Korn in die Hand, ein Samenkorn. Was geschieht mit ihm? Wie ist sein Danach, wenn es auf den Ackerboden fällt?

Paulus bleibt ganz beim Sichtbaren: Weg ist es. Begraben von der Erde. Nichts sichtbar dort, wo es in den Boden gelegt wurde.

Und dann, Wochen später: An exakt dieser Stelle ein grüner Halm, Weizen oder etwas anderes.

Nackt. Tot. Neugeschaffen. Den Dreischritt sieht Paulus.

Wahrscheinlich wirkt seine Sicht auf die meisten von Ihnen ein wenig naiv, wissen Sie doch, dass das neue Leben aus dem Korn hervorgeht, sich unter der Erdoberfläche ein organischer Wachstumsprozess abspielt.

Paulus betrachtet den Vorgang nicht biologisch, sondern sinnbildlich: Nackt. Nichts. Neugeschaffen. Es kommt ihm auf den schroffen Schnitt an. Gerade der schmerzt uns Verwundete allerdings. Dem Nichts schaut niemand gern ins Auge. Unser Bestreben ist eher, möglichst viel von den Verstorbenen am Leben zu erhalten, ihn oder sie lebendig zu halten, wenigstens in der Erinnerung.

Du kannst ihn nicht am Leben erhalten. Der Tod vernichtet. Unser Leben hat ein Ende, mündet ins Nichts. Davor gibt es keine Rettung. Der Schnitt ist hart.

Wir müssen die Toten aber auch nicht am Leben halten. Denn wir haben einen Gott, der nicht nur guter Hirte, nicht nur Tröster, nicht nur Arzt und Wundermann ist, sondern Schöpfergott.

Er hat die Welt geschaffen. Den Himmel, die Erde, die Sonne, den Mond, die Berge und die Bäume. Dich und mich hat er ins Leben gerufen. Das Werden und das Vergehen stehen unter seiner Regie. 

Sollte Gott vor dem Tod kapitulieren? Der Tod den Schöpfer der Welt in die Knie zwingen, austricksen oder in einen ewigen Widerstreit zweier Prinzipien zwingen: Werden und Vergehen?

Der Tod ist verdammt mächtig. Das erkennt Paulus an. Er ist der letzte Feind, der vernichtet wird, sagt er kurz vor unserer Stelle. Alles andere ist da schon überwunden, da schlägt der Tod immer noch seine Wunden, vernichtet immer noch, was ihm in den Weg kommt. Aber der Ausgang des Kampfes steht fest, an jedem Grab haben wir es gelesen: Tod, wo ist dein Sieg? Gott sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus.

Was wird nach dem Sieg über den Tod aus dem nackten, vernichteten Leben?

Natürlich gilt: Kein Aug hat je gesehen, kein Ohr hat je gehört, was dann sein wird. Was die Bibel sagt, sind keine Erfahrungsberichte und keine Fotos vom Jenseits.

Es sind Bilder, von Menschen gemalt, geistliche Bilder, erahnt, erschlossen aus dem, wie Gott sich mitteilt, was wir Gott glauben. Das Bild von der Hochzeit, dem großen Fest ist eine Metapher. Das Bild vom himmlischen Jerusalem, einer glanzvollen, lebenssatten Stadt mit Gott als Zentrum eine andere.

Manchmal sind es auch nur Farben, die auf einer Palette angemischt sind, oder Grundgedanken, die sich in das Danach vortasten.

Paulus ist zweierlei wichtig:

Erstens: „Gott gibt einem jeden Samen seinen eigenen Leib.“ Jeder in seinem eigenen Wesen. Was uns ausmacht, das ganz Persönliche, Individuelle, geht nicht verloren, das ist für Gott unverzichtbar. Aus diesem Korn geht dieser Halm hervor. Aus dem Nachbarkorn der Nachbarhalm.

Uns ganz persönlich will er haben in seiner neuen Schöpfung, mit unseren Ecken und Kanten und Rundungen. Die Toten sind durch nichts und niemand zu ersetzen. Ohne ihn, ohne sie will Gott nicht leben. Sie gehören dazu, und zwar: mit Leib und Seele.

Das unterscheidet die biblische Auferstehungshoffnung tatsächlich vom landläufigen Glauben, dass der Leib stirbt und die Seele weiterlebt: Alles wird nichts. Leib und Seele sterben. Aber: Alles wird auch neu geschaffen.

Warum beides? Weil beides zu unserer ganz persönlichen Gestalt dazu gehört, das Gemüt wie unsere ganz spezielle Art zu lachen oder zu gehen oder den Kopf zu schütteln. Gott liebt uns mit Leib und Seele, wozu hätte er uns sonst so geschaffen? „Einem jeden Samen seinen eigenen Leib.“

Unverkennbar, und trotzdem unvorstellbar. Denn: Gesät wird verweslich, besser gesagt: vergänglich. Auferstehen wird unvergänglich. Gesät wird in Niedrigkeit, auferstehen in Herrlichkeit. Gesät wird in Schwachheit, auferstehen in Kraft.

Ich stelle mir da ganz konkret mein verstorbenes Mütterlein vor, das Gott neu schaffen wird. Sie wird unverkennbar mein Mütterlein sein und zugleich vollkommen verwandelt.

Was ihr Leben so beschwert hat, das Vergehen von Hören und Sehen und Gehen, von Stricken und Klavierspielen Können, das wird nicht mehr sein. Was Gott neu schafft, wird Bestand haben, es wird nicht mehr schwächeln, sondern „in Kraft sein“, „in Kraft bleiben“, en dynamei heißt das im Griechischen: Das neue Leben darf seine Dynamik entfalten, ungehindert nicht nur vom Altern, ungehindert von den eigenen Unzulänglichkeiten, von Armut, von Hass, von all den Bedrückungen, die das Leben zutiefst angreifen.

Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferweckt in Herrlichkeit.

In Herrlichkeit! Wenn die Bibel von Herrlichkeit spricht, dann leuchtet ein Licht auf, strahlender als die Sonne, wärmer als die Sonne, schöner als Mond und Sterne zusammen, milder als das Abendlicht. Es ist das Licht, das von Gott ausgeht. Herrlich ist einzig Gott und die Atmosphäre, die von ihm durchdrungen ist. Wenn Gott seinem Volk erscheint, z.B. auf dem Berg Sinai, da heißt es: „Die Herrlichkeit des Herrn wohnte auf dem Berg.“ Umhüllt von Wolken, die zu Lebzeiten undurchdringlich sind für den irdischen Menschen.

In dieses Licht werden unsere Toten hineingeholt. Mein Mütterlein wird in diesen Glanz gehüllt, wird aufleben in dieser Atmosphäre, sich entfalten zu einem Wesen, das ich vermutlich kaum wiedererkennen werde. Unvorstellbar herrlich, was da aus ihr wird. So ganz in der Nähe Gottes, von ihm durchdrungen. Wie in Gold gekleidet.

Die Alten haben sich von dieser Farbpalette bedient, wenn sie Kirchen gestalteten, z.B. auch unseren Baiersdorfer Altar. Da sind in Gold getaucht, nicht nur die Engelsflügel, klar, denn die kommen ja von Gott her; aber nicht nur sie, auch das Gewand des Täufers Johannes leuchtet golden, eigentlich ja ein Fell, das ihn kleidete; oder die Jünger, die das letzte Abendmahl mit Jesus feiern, sich gleich aus dem Staub machen, dem Tod das Feld überlassen: In Gold getaucht auch sie, schon in Gottes Glanz und trotzdem ganz Petrus, ganz Judas.

„Wie werden die Toten auferstehen?“ Hoffentlich so! Hoffentlich so auch die Lieben und die Liebsten, die wir hergeben mussten. Wir dürfen sie Gott überlassen. Er wird sie neu schaffen, ganz sie selbst, aber in Herrlichkeit. Denn sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

 


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