Gottesdienst am Sonntag Estomihi, 14.2.2021


Bild von Ylanite Koppens auf Pixabay

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Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

kaum ein Thema wird in Liedern so häufig besungen wie die Liebe. Manchmal romantisch, manchmal verklärt, manchmal wie auf Wolke 7 und dann auch ernst, hart, schmerzhaft. Ja, die Erfahrungen mit der Liebe sind nicht immer rosarot. Sie sind nicht immer himmlisch. Die Erfahrungen mit der Liebe können weh tun. Sie können Wunden schlagen und Narben beifügen, die immer sichtbar bleiben. Sie können die Hölle sein. Zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt liegt alles, was mit Liebe zu tun hat. Liebe ist etwas kostbares und man muss immer bangen darum, dass sie gehen könnte. Es braucht viel Anstrengung, damit die Liebe bleibt. Zugleich größte Freude und tiefsten Schmerz kann finden, wer liebt.

Und dann schreibt Paulus, der unverheiratet blieb:

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.  Die Liebe höret niemals auf. (1 Kor 13, 4-8a)

Im Laufe eines Lebens sammeln wir viele Dinge an, die wir mit uns herumtragen. Der Rucksack füllt sich mit Gutem und mit Schwerem. Und gerade wer liebt, der trägt oft einen gut gefüllten Rucksack mit sich.

Ich packe jetzt diesen hier aus. Mal sehen, was zum Vorschein kommt.

Ein Kuscheltier. Eltern schenken ihrem Neugeborenen oft ein Kuscheltier. Dieses Kuscheltier begleitet das Kind meist die ersten Lebensjahre. Und ein Drama ist es, wenn das Kuscheltier in der Wäsche ist oder im schlimmsten Fall verschwunden ist. Die Liebe der Familie ist das erste, was uns umgibt, wenn wir geboren werden. Fürsorge zeigt sich, Liebe wird sichtbar. Eine Form von Liebe.
Wir werden in eine Familie hineingeboren, die wir uns nicht ausgesucht haben. Wir werden groß in Verhältnissen, für die wir nichts können. Und schon hier beginnen große Unterschiede. Die eine Familie, die warm und herzlich ist, die andere in der es eher herb und distanziert zugeht. All das prägt uns für unser weiteres Leben. Und doch kommen in allen Familien Formen von Liebe zum Vorschein. Die erste Liebe, die uns als Menschen umgibt: Die Liebe der Familie.

Und dann das hier: eine rosarote Brille. Das erste Verliebtsein. Schmetterlinge im Bauch, ein Kribbeln, das von einem Besitz ergreift. Händchenhalten und der erste Kuss, die ersten Verabredungen. Nichts kann einen frischverliebten Menschen von Wolke 7 vertreiben. Das Leben ist leicht, die Welt scheint klein, alles kommt einem machbar vor. Tja und dann der Absturz aus dem Himmel. Die Liebe erloschen. Plötzlich alles trüb und grau. Oder der Absturz, wenn Liebe nicht erwidert wird. Eine Katastrophe! Die erste große Liebe.

Da braucht es jemanden, der die Welt wieder zurecht bringt, sie wieder ins rechte Licht rückt. Dafür soll diese Kerze stehen. Nach einem Streit scheint das Leben oft dunkel. Manchmal muss einem verletzten Herzen klar werden, dass jetzt nicht das Leben vorbei ist, auch wenn es so scheint. Es braucht Freunde und Freundinnen, die mit einem leiden und einen trösten. Sie können das Leben wieder hell machen. Wenn sich heute Brautpaare eine Hochzeitskerze schenken, dann kann sie ein Symbol dafür sein, auch gemeinsam durch dunkle Zeiten gehen zu wollen. Dann haben sie sich entschlossen, nicht im Finstern stecken bleiben zu wollen, sondern einen gemeinsamen Weg auch aus Problemen und Krisen zu suchen. Paare brauchen Licht auf dem Weg, denn manchmal ist es gar nicht so leicht den richtigen Weg vom falschen zu unterscheiden. Manchmal braucht es da auch Liebe, um gemeinsam aus dem Dunkel zu finden.

Eine Flasche Wein finde ich. Sie zeigt mir: Vergiss im Alltag das Besondere nicht. Trau dich raus aus dem Trott der Routine und verlerne das Leben und den Genuss nicht! Finde im Alltag den Feiertag. Nimm dir die Zeit zum Reden, Lachen, Leben. Trink deinen Wein nicht allein. Teil ihn. Lass ihn ein Zeichen von Verbundenheit sein. Und wie oft lässt es so einfacher reden? Der Wein ist immer ein Zeichen des Festes. Damit Liebe nicht verloren geht, braucht es diese besonderen Momente. Da braucht es auch das Schöne und Besondere. Damit die Liebe bleiben kann, darf der Alltag nicht überhandnehmen.

Damit man die Orientierung nicht verliert, ist es gut, wenn man eine Karte und einen Kompass hat. Ich habe zwar ein Navi, aber so ganz traue ich ihm nicht über den Weg. Karte und Kompass vertraue ich mehr. Wer sich auf Wanderung macht, der braucht sichere Wegmarken. Ja und wie verlockend ist der Gedanke, dass man vorher alles einplanen kann, sich auf Unwegsamkeiten vorzubereiten vermag. Sicher zu sein: So ist es und nicht anders.
Aber da spielt das Leben meistens nicht mit. Das gemeinsame Leben ist doch oft wie eine Entdeckungsreise. Da finden sich auch nach Jahren noch ungeahnte Seiten an einem Partner, die schön oder anstrengend sein können. Manche Partner wünschen sich, man könnte den anderen lesen wie eine Karte, aber wäre das nicht letztlich langweilig? Ist es manchmal eben nicht doch spannend, einen Umweg in Kauf zu nehmen und dabei neue Seiten kennenzulernen?
Das ist manchmal voller Freude. Eine Seite zu finden, die erfrischend ist. Aber wie bitter ist es, wenn sich eine Seite zeigt, die so schwierig ist, dass es unerträglich scheint?
In der Liebe gilt doch manchmal auch allerhand zu ertragen, zu glauben, zu hoffen und zu erdulden. Es gehört zu einer vernünftigen Betrachtung der Liebe dazu, dass man weiß: Es gibt nicht nur Wolke 7 und rosarote Zeiten. Es gibt Krach, weil der andere den Müll nicht rausbringt, vergisst etwas einzukaufen, oder einfach mal wieder die Rolle Toilettenpapier falsch aufgehängt hat. Man streitet sich, weil eine dem anderen dauernd ins Wort fällt, alles besser weiß oder mal wieder zu spät nach Hause gekommen ist. Aus einer unabhängigen Perspektive betrachtet, müsste jedem klar sein, dass das mit der Liebe eine anspruchsvolle Sache ist. Und dass es zu zweit nicht einfach einfacher ist. Weil Kompromisse dazugehören, sich Zurücknehmen, auch verzichten. Oft bekommen dann Paare die Kurve, sprechen miteinander, räumen Missverständnisse aus. Man weiß sich auf dem gleichen Weg, miteinander. Und wenn nicht?

Oft braucht es dann einen Verbandskasten. Mir ist klar, dass dann weder Pflaster noch Binden, noch ein Dreieckstuch etwas ausrichten können. Aber es gibt die Hoffnung, dass geschlagene Wunden sich verbinden lassen und heilen, selbst wenn immer Narben zurückbleiben. Und es bleibt die Hoffnung, dass manche Verletzung auch heilen kann und wieder neue Wege aufeinander möglich macht. Jede Beziehung braucht einen solchen Verbandskasten, denn nicht jeder Streit miteinander wird fair und auf Augenhöhe ausgetragen. Und da braucht es die Bereitschaft dem anderen den Trost zu schenken, den er gerade braucht. Da muss man bereit sein, ein Trostpflaster aufzukleben, wenn man etwas falsch gemacht hat. Aber es muss in jeder Beziehung auch die Bereitschaft reifen, einander anzunehmen und einander immer wieder zu verzeihen, gemeinsam Lösungen für die gemeinsamen Konflikte zu suchen, um wieder neu zu beginnen.

Und dann bleibt auch immer noch die bittere Erfahrung, dass man manchmal getrennte Wege gehen muss, weil es zusammen einfach nicht mehr weitergeht. Das hinterlässt oft einen bösen und bitteren Nachgeschmack, wenn der Partner, dem man vorbehaltlos vertraut hat, sich auf andere Wege begibt und einen zurücklässt. Wenn sich dann zeigt, was von der Liebe bleibt: Streit, Hass, Verletztheit, Verwundungen, ein gebrochenes Selbstwertgefühl.

Wie liest jemand mit solchen Erfahrungen die Worte des Paulus? Scheint da nicht jedes Wort wie Hohn zu klingen? Die Liebe hört niemals auf? Die Liebe rechnet das Böse nicht zu? Die Liebe treibt keinen Mutwillen? Die Liebe ist langmütig und freundlich? Die Liebe rechnet nicht auf? Sie sucht nicht das ihre?
Auch wenn die Liebe alles erträgt, ein Mensch kann und muss nicht alles ertragen! Auch wenn die Liebe nicht eifert, so muss der Mensch sich aber nicht aufreiben lassen, wenn der andere keine Ruhe geben kann. Auch wenn Liebe langmütig ist, so darf dem Menschen doch der Geduldsfaden reißen. Wenn es zuviel ist, dann ist es zuviel. Aus Liebe muss man sich nicht alles gefallen lassen.
Die Erfahrung zeigt: Ja, die Liebe zwischen zwei Menschen kann aufhören. Liebe zwischen Menschen kann weh tun. Liebe kann zerstörerisch sein. Sie kann unerfreulich enden, sie kann dazu führen, dass dreckige Wäsche gewaschen wird. Sie kann harte Konsequenzen haben und zu schweren und manchmal auch peinlichen Auseinandersetzungen nicht nur vor Gericht führen.
Gründe, warum das geschehen kann, die sind zahlreich. Gründe, die dazu führen, dass die Liebe an ihre Grenze kommt, sind oft unscheinbar und für Außenstehende nicht nachvollziehbar. Menschen müssen dann getrennte Wege gehen können. Menschliche Liebe kann und darf scheitern. Doch damit ist nicht das Leben selbst gescheitert!

Womit wir unseren Rucksack befüllen, wenn wir im Leben gemeinsam unterwegs sind, das bestimmen wir selbst. Packen wir doch all das ein, was wir brauchen: Langmut, Freundlichkeit, Gelassenheit, Freude, Verständnis, Gutwilligkeit, Gerechtigkeit, Weitblick, Ruhe, Gewitztheit und Humor, Ehrlichkeit, gesunden Egoismus, eigenes Zurückstecken und Geduld. Manchmal müssen wir auch für eine gute Wegzehrung sorgen, damit es gut gemeinsam weitergehen kann.
Geliebt werden und Lieben können, das sind wertvolle Geschenke, die wir im Leben erfahren dürfen. Wem das widerfährt, der kann sich glücklich wissen. Es ist keine Selbstverständlichkeit, lieben zu können und auch geliebt zu werden. Liebe lässt sich nicht befehlen. In einem Käfig kann sie nicht gedeihen. Liebe muss wachsen, damit sie sich voll entfalten kann. Dieses kostbare Geschenk muss gut gehütet sein.

Und was hat Gott nun damit zu tun? Nichts? Oder alles?

Günther Bornkamm hat einmal darauf hingewiesen, dass das Wort „Liebe” in diesem Paulustext überall durch Jesus Christus ersetzt werden könnte. Bei Paulus steht ja nicht: „Ich als liebender Mensch bin langmütig und freundlich, ich eifere nicht usw.” Sondern es steht vielmehr da: Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen. Jesus ist langmütig, Jesus eifert nicht, Jesus treibt nicht Mutwillen. Jesus Christus ist diese Liebe. Gott ist diese Liebe.

Deshalb ist es gar nicht ganz verkehrt, auch eine Bibel im Gepäck zu haben. Die Liebe Gottes soll uns leiten in unseren Beziehungen. Darauf sollten wir uns immer wieder verweisen lassen. Die Liebe Gottes zu uns ist von Anfang da. Unsere menschliche Liebe ist ein kleiner Abglanz dieser großen Liebe. Die Liebe Gottes zu uns hört nicht mehr auf. Wie gut! Gott als der Dritte im Bunde hilft, dass wir mit vereinten Kräften das gemeinsame Leben bewältigen können. Luther schreibt seinem Freund Spalatin: „Du sollst, wenn du mit deiner Frau zusammen bist und sie umarmst, dabei so denken: Dieses Menschenkind, dieses wunderbare Geschöpf hat mir mein Christus geschenkt. Ihm sei Lob und Ehre.“ Verstehen wir uns doch als Geschenke, die uns Gott gemacht hat. Vielleicht ändert das auch manche Perspektive im Umgang miteinander.
Vielleicht hilft dieser Blick und er lässt uns das Richtige in unseren Lebensrucksack packen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen


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