Gottesdienst am 5. Sonntag nach Trinitatis, 12. Juli 2020

Gebet

Ewiger Gott, du rufst Menschen in deinen Dienst und vollbringst durch sie dein Werk auf Erden.
Wir bitten dich: Öffne uns Ohren und Herzen, dass wir deinen Ruf hören
und dem nachfolgen, den du gesandt hast,
Jesus Christus, unserm Herrn,
der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
Amen


Fischzug des Petrus von Renate Formanski

Wandkachel: Fischzug des Petrus von Renate Formanski, Link

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,
wir kennen sie, diese Geschichten, die so trostlos sind, dass wir uns fragen: Wie kann jemand immer noch aufrecht durchs Leben gehen? Geschichten, die himmelschreiend ungerecht sind.
So viele Jahren arbeitete sie für ihre Firma. Meist ist sie die Erste gewesen, sie morgens kam und oft war sie die Letzte, die wieder ging. Und nun hat der Chef nicht mal ein Wort des Dankes zum Ruhestand für sie. Quasi ohne Umweg wurde sie durch eine Neue ersetzt. Sie, die immer treu und brav zur Stelle war, selten ihren ganzen Urlaub nahm, weil sie gebraucht wurde. Das macht fix und fertig.
Wochenlang hat er gelernt. Das große Ziel war der qualifizierte Hauptschulabschluss. Er weiß, dass Lernen nicht seine Stärke ist und doch ist der Abschluss wirklich anständig geworden. Wenn er etwas kann, dann mit den Händen arbeiten. Wenn er das richtige Material bekommt, dann baut er daraus alles, was man sich vorstellen kann. Nun ist der Abschluss geschafft und doch klappt es nicht mit der Lehre. Keiner will ihm eine Chance geben, damit er sich beweisen kann. Hat sich das alles gelohnt?
Schlaflose Nächte haben sie hinter sich. Erst als das Kind noch klein war, weil es einfach nicht schlafen wollte. Wie viele Nächte haben sie sich um die Ohren geschlagen und abwechselnd ihr Kind durch die Wohnung getragen, sind mit Kinderwagen mitten in der Nacht losgefahren, damit es wenigsten etwas schläft. Haben versucht, alles möglich zu machen und das mit kleinem Budget. Haben sich das Nötige vom Munde abgespart, damit das Kind es besser hat, studieren kann. Und nun meldet es sich nicht mehr. Es hat sich abgewandt von den Eltern, hat mit ihnen gebrochen. Was haben wir falsch gemacht?, das ist die Frage, die sie umtreibt.
Ich habe gearbeitet und es hat nichts gebracht. Ich habe mich bemüht, aber es trug keine Früchte. Ich wollte so gern, aber es ging schief. Ich habe mich abgearbeitet und keine merkt etwas davon. Was soll ich tun? Alles hinwerfen? Oder weitermachen? Soll ich das tun, was mir so sinnlos vorkommt?
Viele Menschen sind nach negativen Erlebnissen nicht nur niedergeschlagen oder wütend, sie sind auch verzweifelt, vor allem dann, wenn sich die negativen Erfahrungen in ihrem Leben häufen. Manchmal kommt es einem so vor als wäre das ganze Leben gegen einen. Das lähmt. Das bringt keinen Schritt weiter. Wer den Kopf in den Sand steckt, der kann den Himmel nicht sehen.
So ähnlich ergeht es den Jüngern, erzählt Lukas in seinem Evangelium [Lk 5, 1-11]

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.
Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.
Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten.
Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.
Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Die Jünger sitzen am Ufer und waschen die Netze. Sie räumen auf, nach einer Nacht auf dem See. Sie waren wie immer hinausgefahren in der Dunkelheit. Sie hatten die Netze ausgeworfen, aber sie hatten Pech. Eine Nacht umsonst gearbeitet. Nichts hatten sie gefangen. Stunden umsonst auf dem See verbracht hatten sie. Das erzählt Lukas mit nüchternem Blick.
Die Situation ist klar. Die Fischer sind müde, sie waschen die Netze, von einem Fang erzählt er nichts. Es steht vor Augen: Eine erfolglose Nacht und ein langer Tag, der die Lebensgrundlage nicht sichert, liegt vor ihnen. Sie hätten jeden Grund, den Kopf in den Sand zu stecken.
Doch dabei bleibt Lukas nicht stehen. Jetzt kommt es. Er macht eine Motivationsgeschichte daraus. Da, wo es kein Licht gibt, da macht er es hell. Wo der Kopf am liebsten in den Sand gesteckt werden will, da zeigt er eine andere Perspektive. Er macht einen neuen Weg klar. Er will, dass die nicht nur die Jünger den Blick heben. Lukas macht deutlich: Die Fischer am See können nicht den Kopf in den Sand stecken, sie müssen weitermachen. Auch wenn mal nichts gelingt, der Fang leer ist, so müssen sie doch weiter und weiter machen. Aufgeben gilt nicht, sonst ist die Lebensgrundlage für die Familie nicht zu sichern. Auch wenn es einen Tag keinen Fang gab, in der nächsten Nacht fahren sie wieder hinaus. Und dafür muss alles vorbereitet sein. So kamen sie am Morgen wieder nach Hause und sortieren jetzt alles, was zu sortieren ist. Sie kümmern sich darum, dass für die nächste Nacht wieder alles bereit ist. Die Netze müssen geprüft und geflickt werden, sonst wird der Fang in der nächsten Nacht wieder nichts. Lücken müssen gestopft werden, Bänder wollen neu justiert sein. Damit sie nicht schimmeln, müssen sie ausgebreitet werden und trocknen.
Die Fischer müssen sich daran erinnern: Morgen ist wieder ein neuer Tag, einer an dem es hoffentlich besser wird. Ein Tag ohne Fang ist noch kein Beinbruch. Da kommt man durch. Doch was ist, wenn es tagelang so weitergeht? Tag für Tag ohne Fang? Wer hält das aus?
Und in diese Situation kommt nun Jesus hinein. Die Jünger, müde von der Arbeit und enttäuscht waschen und flicken die Netze. Und Jesus ändert ihren Blick. Er verlangt: Geh aus dieser Situation heraus. Begib dich in etwas Neues. Er spricht sie an, sich auf andere Dinge zu fokussieren und es gelingt. Nicht mehr der verlorene Fang steht im Mittelpunkt. Jetzt ist nur Rudern gefragt. Das macht Lukas in seiner Erzählung geschickt. Er sorgt dafür, dass den Jüngern ein Angebot gemacht wird, dass die Enttäuschung zurücklässt. Er fordert etwas von ihnen, das sie gut erfüllen können. Ein Stück vom Ufer wegrudern. Das ist für einen Fischer kein Problem. Das können sie. Er motiviert sie zu einem ersten Schritt, der ein Anfang sein kann.
Wie gut tut es, wenn man einen Motivator findet: Eine Mutter, die dem Kind über den Kopf streicht und Tränen trocknet nach dem Fahrradunfall. Ein Logopäde, der seinem Schützling endlich sagen kann: Es klappt. Ein Fußballtrainer, der ermutigt den Trick zu üben und zu üben und der auch bemerkt, wenn er endlich funktioniert. Eine Lehrerin, die den Schüler unterstützt, damit er das Ziel erreicht. Ein Freund, der tröstet, wenn es nötig ist und bittet: Kopf hoch! Los geht es! Du kannst das! Du schaffst das! Du bekommst das auf die Reihe! Auch wenn Rückschläge kommen, bleib doch dran. Gib nicht auf!
Petrus bekam die Motivation seines Lebens. Sie kommt in Gestalt eines Wanderpredigers auf ihn zu. Dieser Mann nimmt ihn in Anspruch. Er braucht ihn und wie schnell es auf Gegenseitigkeit beruht, dass kann sich Petrus gar nicht vorstellen. Jesus kommt ans Ufer. Er spricht Petrus an. Jesus verspricht den Jüngern nichts. Er sagt nicht: Jetzt holt ihr das nach, was ihr versäumt habt. Er steigt in das Boot uns wünscht erst einmal nur eins: Rudere ein Stück vom Ufer weg. Das ist leicht. Das kann Petrus. Das schafft er, auch wenn die Müdigkeit groß ist. Und dann macht er Mut: Probier es aus. Nur, wenn du es versuchst, dann kann es etwas werden. Ja, lass dich darauf ein.
Los, versuch es wieder und wieder. So wird Jesus Petrus immer wieder ermutigen. So zieht es sich durch das Leben von Petrus. Immer und immer wieder ist er auf seinen Motivator Jesus angewiesen, damit auch er motivieren kann. Dabei scheitert er doch immer wieder, aber er darf wieder beginnen, neu starten. Petrus lässt nicht dem Frust die Oberhand.

Und bei mir? Was leitet mich? Ist es die Frustration oder ist es die Motivation? Zu welcher Sorte Mensch gehöre ich? Fange ich neu an oder gebe ich auf? Schau ich nach vorn oder stecke ich den Kopf in den Sand?
Gebe ich auf, wenn der Chef mich nicht würdigt? Oder weiß ich dennoch wer ich bin und was ich wert bin? Verstecke ich mich, weil es mit der Ausbildung viel schwerer wird als gedacht? Oder wage ich es weiter und weiter, denn irgendwann muss es doch endlich klappen und jemand mein Potential erkennen? Reiche ich wieder und wieder die Hand, auch wenn mein Kind sie ausschlägt? Oder gebe ich auf und erwarte nichts mehr? Wage ich es auch, den Fehler nicht nur bei mir, sondern auch bei der Gegenseite zu suchen?
Schaffen diese Menschen es, den Blick nach vorn zu richten, nicht nur zurück? Auch sie sitzen wie die Fischer am See geknickt in ihrer Situation. Auch sie haben ein ernsthaftes Problem. Auch sie wissen nicht, wie es weitergehen soll. Bekommen auch sie jemanden, der sie aufrichtet? Finden auch sie jemanden, der sie motiviert? Lässt sich bei ihnen jemand blicken, der ihnen etwas zutraut? Versteht es jemand, sie auf neue Wege zu stellen? Kann jemand ihnen einen neuen Blick ermöglichen. Schaffen sie auch den ersten Schritt, damit auch die nächsten Schritte kommen können.
Die Fischer vom See bekommen ihren Blick nach vorn gerichtet. Sie werden motiviert. Sie sollen es wagen und sie wagen es, wenn auch zaghaft und mit Widerspruch zunächst, dann aber doch mutig und erfolgreich. Jesus lässt Petrus seine Bedenken äußern, er lässt ihn ausreden und er redet die Bedenken nicht klein. Er bietet keinen billigen Trost an. Und doch richtet er den Fokus auf das, was noch zu erreichen ist, nicht auf den Misserfolg, der hinter ihnen liegt. Auch wenn die Resignation bei Petrus groß sein könnte, er lässt sich überreden und er versucht es neu. Er wagt und gewinnt. Auch wenn es gegen jede Vernunft ist, am hellen Tag fischen zu gehen. Er vertraut, dass Jesus kein Scharlatan ist, sondern dass es sich lohnt seinen Anweisungen zu folgen. Ja, und dann kommt er, der Fang seines Lebens. Allein ist die Fülle nicht zu bewältigen.
Ja, sie konnten ihre Netze füllen, und das nicht nur auf dem See, sondern auch auf dem Land, sonst wären wir heute nicht hier. Petrus macht den Fang seines Lebens. Nicht nur, weil die Netze voll sind. Nein, er bekommt einen Sinn für sein Leben. Er bekommt einen Auftrag, eine Aufgabe. Er darf nach vorn schauen. Er darf Menschen einladen in den Glauben an Gott. Er darf ihnen sagen, dass sie bei Gott geliebt sind und sie zu Gott gehören dürfen. Petrus darf Menschen einen Sinn offenbaren, der das Leben verändern kann. Nicht wie ein Rattenfänger, sondern wie ein Menschenfischer. Keiner mit fragwürdigen Methoden, sondern einer mit einer tragfähigen Botschaft.
Dazu gehören auch Zweifel, Selbstkritik und ein Hinterfragen der eigenen Person. Petrus weiß, dass er kein perfekter Mensch ist. Er sieht seine Fehler offen zu Tage treten. Er nimmt den Mund zu voll, scheitert grandios und doch traut Jesus ihm die Aufgabe zu: Du sollst Menschenfischer werden. Und auch wenn Petrus nicht immer alles richtig macht, auch wenn er scheitert, auch wenn er nicht das richtige Wort zur rechten Zeit sprechen kann: Er ist und bleibt Menschenfischer. Und er darf sicher sein: So wie ich bin, darf ich sein. Ich bin nicht allein. Da ist einer, der mich motiviert, der mich trägt, der mir den Blick wieder nach vorn richten will. Ich bin Lukas dankbar, dass er eine Geschichte des Mutmachens und Aufrichtens geschrieben hat. Auch ich will mich auf die Suche machen nach Menschen, die mich aufrichten, mir helfen, mich trösten, mich motivieren. Dann sind sie Menschenfischer, die ihren Dienst gut tun. Und vielleicht bin auch ich manchmal jemand, der andere Menschen aufrichtet, ihnen Mut zu spricht, ihnen hilft, andere motiviert. Dann bin auch ich wie Petrus ein Menschenfischer.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen

Pfarrerin Christiane Börstinghaus

Fürbitte und Vater unser

Gott, du Quelle des Segens,
vor uns sehen wir unser Leben:
voller Fragen und Aufgaben,
voller Hoffnungen und Enttäuschungen.
Oft erkennen wir das Ziel nicht,
oft gehen wir in die Irre.
Wir brauchen deinen Segen für uns und unsere Welt.
Wir rufen: Herr, erbarme dich!

Wir bitten dich für deine Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit:
dass sie durch das Wort vom Kreuz in die Nachfolge Jesu Christi ruft.
Lass sie zum Segen werden für Starke und Schwache,
für Fragende und Selbstsichere,
für Leidende und Fröhliche.
Wir rufen: Herr, erbarme dich!

Wir bitten dich für unser Volk und die Gemeinschaft der Völker:
dass sich die Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit erfüllt.
Wir rufen: Herr, erbarme dich!

Wir bitten dich für uns:
'dass du uns nicht allein lässt auf unserem Weg.
Leite uns mit deinem Wort durch gute und durch böse Zeiten.
Wir rufen: Herr, erbarme dich!

Du hast uns in Christus deine Liebe geschenkt.
Ihm vertrauen wir heute und in Ewigkeit.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.


Das Textblatt können Sie hier herunterladen.

Von diesem Gottesdienst gibt es eine Audio-Aufnahme. Wenn Sie Interesse daran haben, wenden Sie sich bitte an das Pfarramt.

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