Gottesdienst am 1. Sonntag nach Epiphanias, 10.1.2021

Predigttext: Psalm 8


Bild von Pezibear auf Pixabay

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1Ein Psalm Davids, vorzusingen, auf der Gittit.

2Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen,
der du zeigst deine Hoheit am Himmel!
3Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge
hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen,
dass du vertilgest den Feind und den Rachgierigen.

4Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk,
den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:

5was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

6Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,
mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

7Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk,
alles hast du unter seine Füße getan:

8Schafe und Rinder allzumal,
dazu auch die wilden Tiere,

9die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer
und alles, was die Meere durchzieht.

10Herr, unser Herrscher,
wie herrlich ist dein Name in allen Landen!

Predigt

Liebe Gemeinde,

Staunen gehört zur Weihnachtszeit. Bei Kindern ist es am schönsten. Das weihnachtliche Glitzern und Funkeln auf den Straßen, das Leuchten in den Vorgärten lässt sie an allen Ecken und Enden stehen bleiben. Schau da, schau dort! Und es bedarf einigen Zuredens, um zum Weitergehen zu bewegen. - Auch die Sterne und Bilder rund um die Nikolauskirche gehörten dieses Jahr übrigens zu dem, was anhalten, schauen und staunen ließ.

Mit den Jahren nimmt das Staunen eher ab. Wir Älteren haben schon so viel funkeln gesehen und so viel Ernüchterung erlebt, dass uns der Mund nicht so schnell offen stehen bleibt. Stiller wird das Staunen, aber verloren geht es hoffentlich nicht. Vielleicht hat es sich dieses Jahr eingestellt, als wir merkten, ach Weihnachten ist ja auch so schön, trotz aller Einschränkungen.

Oder, als wir die Weihnachtspost in die Hand nahmen und uns freuten: Ach, dass der an uns gedacht hat! Ach, dass die mich nicht vergessen hat! Wenn dann auch noch die Worte zeigen, da hat jemand wirklich an mich gedacht, wirklich mich im Sinn gehabt beim Schreiben, freu ich mich.

Auch der Blick an den Himmel ist etwas, das oft staunen lässt. „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast“ ruft der Beter in unserem Psalm aus und weckt in mir Bilder des Nachthimmels. Vor einigen Wochen war es, da saß ich an meinem Schreibtisch, als die Mondsichel im Fenster auftauchte und langsam ihren Bogen zog. Ich konnte meinen Blick gar nicht von ihr wenden, rutschte erst mit meinem Schreibtischstuhl, dann mit meinem ganzen Schreibtisch nach, bis sie verschwand. So schön war dieses Himmelsbild.

Der achte Psalm ist ein staunender Psalm, er staunt über die Schöpfung, über ihren Schöpfer, und - er staunt über den Menschen: Was ist der Mensch? Wie groß hast du ihn gemacht! Wenig niedriger als Gott, gekrönt mit Ehre und Herrlichkeit! Wie kann das sein, dass du, Gott, ihn so hervorhebst, ihm solche Ehre zuteilwerden lässt, denn eigentlich ist der Mensch doch ein Menschlein, so das Wort im Hebräischen, ein hinfälliges Geschöpf, ein „Kind Adams“ heißt es wörtlich, also aus Erde gemacht, zu Erde werdend, doch wohl auch belastet mit dem, was auf Adam lastet. Ihn machst du zum Herrn deiner Werke, tust Schafe und Rinder unter seine Füße und die Vögel am Himmel und die Fische im Meer?

Wie kannst Du das eigentlich tun, Gott? So viel Macht in die Hände eines Erdlings legen, ihn einfach machen lassen. Das lässt ungläubig staunen. Bilder steigen auf, wie der Mensch dieser Verantwortung überhaupt nicht gerecht wird: Bilder vom Tiertransport quer durch Europa, wo die Rinder bei extremen Temperaturen, viel zu hoher Ladedichte und viel zu langen Fahrtzeiten stöhnen, leiden, und die Verordnungen immer noch nicht greifen, und die Verstöße noch immer zu wenig sanktioniert werden. Was ist der Mensch, dass du ihn machen lässt?

Neben Bilder vom Versagen den Mitgeschöpfen gegenüber treten diese Woche die Bilder vom Versagen dem Gemeinwohl gegenüber, wie sie uns aus Amerika erreichten. Das ist der Mensch. Und ich weiß nicht, ob ich dahinter nur einen Punkt setze – das ist der Mensch – oder ein Ausrufezeichen oder ein Fragezeichen. All das schwingt ja im Staunen mit, dem fassungslosen Staunen über den Menschen.

So eine Bandbreite findet sich unter uns, vielleicht auch in uns, von der hassverzerrten Fratze über das erbarmungslose Wegschauen bis - natürlich gehört auch das Bild zum Menschen unserer Tage - bis hin zu den Forscher/innen, die es mit ihrer Geisteskraft und kluger Organisation schaffen, ein Gegenmittel gegen einen fast allmächtig wirkenden Virus zu finden. Auch das ist der Mensch. Erfindungsreich, verantwortungsvoll, dem Leben dienend.

Der 8. Psalm sieht den Menschen in seiner Ambivalenz und verklärt die Schöpfung nicht. So grandios sie in manchem erscheint, sie ist keine Sphäre ohne Widerspruch. Sie hat ihre Feinde, Rachgierige, Bedränger, heißt es. Bedrängt ist, was Gott geschaffen hat, bedrängt ist der Mensch, bedrängt ist Gott selbst in seinem Gottsein. So ist es ja längst nicht, dass in allen Landen Gottes Name gepriesen wird, Gott geehrt wird, Gott Gott sein darf.

Offenbar findet Gott sich nicht damit ab. Er überlässt die Welt trotz allem nicht sich selbst, zieht sich nicht zurück. Er bleibt verbunden, aber auch das auf staunenswerte Weise, doppelt zu bestaunen.

Zum einen bringt er die Kinder ins Spiel: Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen, dass du vertilgest den Feind und den Rachgierigen.

Die Kinder sind unsere Rettung, so scheint es. Und auch da weiß ich nicht, ob ich innerlich einen Punkt setzen soll, ein Ausrufezeichen oder ein Fragezeichen. Man ist ja schnell dabei, Kinder zu idealisieren als unsere Zukunft, als unsere Hoffnung, als Unschuld.

Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen, dass du vertilgest den Feind und den Rachgierigen.

Das Staunenswerte ist, dass Gott seine großen Taten durch die Kleinsten wirkt, durch scheinbar ganz unzureichende Mittel. Kein König kann es sich zuschreiben, die Feinde verdrängt zu haben, keine Kanzlerin kann sich den Sieg über die Krise ans eigene Revers heften, kein Virologe ist zu krönen. Die Großen stehen immer in der Gefahr, sich die Rettung selbst zuzuschreiben. Die Kleinen schauen eher von sich weg, nach oben.

Gott rettet und gründet aus der Kinder, der Säuglinge Mund eine Macht, um die Feinde zurückzudrängen und seine Geschöpfe zu bewahren.

Er bleibt uns verbunden. Und für diese Verbindung findet unser Psalm ein ganz kleines unauffälliges Wort. Ich weiß nicht, ob Sie es überhaupt registriert haben. Unser Heil steckt da drin, versteckt sich da drin, wird beim ersten Hören vielleicht sogar überhört:

Gott gedenkt unser. Das ist unsere Rettung, dass er an uns denkt. „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst!“ Das erhält uns am Leben.

„Gedenken“ ist mehr als Denken. Viel mehr. Eigentlich ist es etwas ganz anderes, sitzt nicht im Kopf, sondern im Herzen. „Ich hab an dich gedacht.“ „Ich werde an Sie denken.“ „Denk an uns!“ „Dass er an mich gedacht hat!“ Darin liegt ganz viel. Daran liegt uns viel. Nicht vergessen zu werden, sondern bedacht zu werden. Nicht vergessen zu sein, sondern im Gedächtnis zu bleiben. Das ist Leben. Das lässt leben.

Ein Kind, nach dem niemand sieht, kann nicht gedeihen. Ein Freund, von dem wir sagen, den kannst du vergessen, ja, der verschwindet aus dem Leben.

Wenn die Bibel davon erzählt, dass Gott rettend eingreift, dann beginnt das oft mit dem Sätzchen: Er gedachte ihrer. Gott gedachte an Noah. Er gedachte an Abraham, an Rahel. „Der Herr denkt an uns und segnet uns“, heißt es in einem anderen Psalm.

Gedenken ist leben, leben lassen. Dass Gott unser gedenkt, dass er uns nicht vergisst trotz allem, das ist der Grund des Staunens: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst!“

Nur eines soll Gott bitte vergessen, auch das betonen die Psalmen immer wieder: unsere Sünden. „Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend“, heißt es an einer Stelle. Sonst komme ich nicht raus aus meinem Schlamassel, bleib ewig behaftet mit dem, was irgendwann mal aus meinem Mund kam und aus dem Gedächtnis getilgt sein will.

„Das werde ich mir merken“, das ist ein menschlicher, allzu menschlicher Satz, die Nahrung der Rachgierigen. Auch das ja etwas, was in der Weihnachtszeit Hochkonjunktur hat, die alten Geschichten, die unvergessenen Sätze, die sich scheinbar nicht ausradieren lassen. Da haben wir oft ein staunenswert gutes Gedächtnis.

Und wieder überrascht Gott, also so, wie unsere Bibel von ihm spricht. In Bezug auf unsere Sünden gehört er nicht zu denen, die sich „das aber merken werden“. „Ich gedenke deiner Sünden nicht, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen“, sagt er (Jes 43,25). Auch da kann man nur staunen. Ich schreibe dich nicht fest, auf das, was du getan hast. Das bist du nicht. Du bist nicht die Fresse, die in die Kamera feixte, als du dich im Kapitol breitmachtest. Eigentlich bist du doch gekrönt mit Ehre. Deiner Sünden gedenke ich nicht, die erhalte ich nicht am Leben. An dich denke ich. Du bist frei. Du sollst leben, nicht sie.

„Herr, unser Herrscher, wie herrlich bist du, wie herrlich ist dein Name.“

Amen.


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