Besinnung

Die Hände in Unschuld waschen

PilatusEr hätte ja gewollt. Er hätte Milde walten lassen, wäre der Druck nicht so groß gewesen; das Risiko, als zu weich zu gelten, als zu nachsichtig. Was geht es ihn auch an? Sollen sie doch machen, was sie wollen! Warum soll er sich die Finger verbrennen? Er kann nichts dafür, sie waren es. Die Verantwortung liegt bei ihnen.

„Pilatus nahm Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu!“ (Matthäus 27,24)

Johann Friedrich Pippig hielt die Szene fest. Sie ist ein Ausschnitt aus der Emporenmalerei der Nikolauskirche. Wer Pilatus ins Gesicht sieht, spürt: Das ist keine Lösung. Gequält ist sein Blick, da können die Hände noch so sauber sein.

DanielEs ist nicht das erste Mal, dass sich einer aus der Verantwortung stiehlt. Die Baiersdorfer Bilder verbinden ja immer eine Geschichte aus dem Leben Jesu mit einer aus dem Alten Testament. Am linken Bildrand sieht uns ein junger Mann an. Angelehnt oder aufgestützt auf einer Art Mauervorsprung. Wenn man genau hinsieht, erkennt man im Dunkel Umrisse von Tieren. Es sind Löwen. Um Daniel geht es, der in die Löwengrube geworfen wurde. In seinem Fall war es der Perserkönig Darius, der genau wusste, Daniel ist unschuldig. Aber um sein Gesicht zu wahren, ließ er den falschen Beratern freien Lauf. Er war’s nicht. Die andern waren’s. „Ich konnte nicht anders.“

Es ist nicht das letzte Mal, dass sich einer aus der Verantwortung stiehlt, sich unbeteiligt gibt an einem Leidensweg. Die Emporenbilder zeigen eine andere Wahrheit. Zahllose Hände waren im Spiel, bis die Hände des einen festgenagelt wurden. Die einen klatschen Beifall, die andern sind abwehrend erhoben. Die einen umschließen den Knauf eines Schwertes, die andern schwingen eine Geißel. „Wer hat dich so geschlagen“, fragt ein Passionslied. „Ich“ gibt es sich selbst zur Antwort.  Ich war durchaus beteiligt und trage Verantwortung und kann es eingestehen, weil die Last meiner Schuld von mir genommen ist. Die hat der getragen, dessen Hände durchbohrt wurden. Wir sind befreit zur Wahrheit.

Pfarrerin Christine Jahn

 

verfasst von: