8. Die Predigt

In evangelischen Gottesdiensten nimmt die Predigt einen hervorragenden Platz ein. Das hat mit der grundlegenden Bedeutung und Wertschätzung der Bibel zu tun: „Das kann ja kein anderes Buch, Lehre noch sonst was: Trösten in Nöten, im Elend und im Sterben… Allein dieses Bibelbuch kann das, das uns Gottes Wort lehrt, und darin Gott selbst mit uns redet, wie ein Mensch mit seinem Freunde.“ (M. Luther) Im Klartext: Der große unfassbare Gott will durch die Bibel und ihre Auslegung in der Predigt mit Menschen ins Gespräch kommen, um sie zu trösten, ihnen Orientierung zu geben oder sie heilsam(!) erschrecken zu lassen. Unglaublich!

Dass Gott bei Menschen ankommt, das ist auch durch Pfarrerinnen und Pfarrer nicht machbar. Die können nur darauf vertrauen, dass Gott ihre Worte als Vehikel benutzt, dass also der Heilige Geist in Aktion tritt. Auf alle Fälle will die Predigt keine Allerweltsweisheiten verkünden. Sie bezieht sich bewusst auf die alten Texte der Bibel. Die sind meist nicht mundgerecht, sondern oft sperrig, widerspenstig und manchmal schwer zu verdauen. Aber oft ist gerade das Fremde hilfreich, weil es nicht das wiederholt, was man schon weiß. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen.“

Auch wenn Pfarrerinnen und Pfarrer Gottes Wort nicht machen können, sie können ihm den Weg bereiten oder es verhindern. Ein Predigthörer: „Herr Pfarrer, das, was Sie gesagt haben, war alles richtig. Nur - es stimmt nicht.“ Theologische Richtigkeiten sind zu wenig. Eine gelingende Predigt wird nicht nur schrift-, sondern auch zeitgemäß sein. Sie wird Menschen dort aufsuchen, wo sie sich befinden, so dass sie sich ernstgenommen fühlen. Sie wird das Anliegen des Bibeltextes in Beziehung setzen mit ihren Fragen und Zweifeln, so dass ein inneres Gespräch entsteht. Die Predigt kommt zum Ziel, wenn die Hörer betroffen sind, wenn sie spüren: "Ja, so geht es mir. Das Leben ist nicht einfach. Aber da ist einer, der mich durch dick und dünn begleitet, der mich wertschätzt, der mich stärkt und der mich braucht. Das tut gut. So lässt sich die neue Woche bestehen!" Wohl dem, der Gott durch einen Gottesdienst die Chance gibt, ihn anzusprechen.

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