4. Der Raum des Gottesdienstes

Menschen brauchen Orte, die anders sind, als die Räume des Alltags. An den Orten, wo sie wohnen und schlafen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen, begegnen sie nämlich meist nur sich selbst. Sie richten es sich so ein, wie es ihnen gefällt: Diese Orte atmen ihren Geist, drücken ihren Stil und Geschmack aus. Und auch an Orten, auf die der Einzelne keinen unmittelbaren Einfluss hat, wie die Arbeitsstelle oder die Fußgängerzone einer Stadt, begegnet man auf Schritt und Tritt dem menschlichen Zeitgeist, der etwas Hektisches und Lautes, Besitzergreifendes und Banales an sich hat. Hier ist Gott schwer erkennbar.

Der fremde Raum einer Kirche ruft einem zu: „Halt. Lass dich unterbrechen. Befreie dich von deinen Wiederholungen!“ Dieser Raum bietet etwas wohltuend Anderes, das einen heilt, weil es von einem selbst wegführt. Er erzählt die Geschichte der Vorfahren, die sich in diesem Raum aufgehoben wussten mit ihrem Dank und ihrer Freude, ihrem Schmerz und ihrer Trauer. Keiner braucht sich in der Kargheit seiner eigenen inneren Existenz zu erschöpfen. Man muss nicht von ganz vorne anfangen, sondern kann sich prägen lassen durch gute Traditionen. Eine Tradition haben heißt, Anteil zu gewinnen am Glauben und an der Hoffnung der Vorfahren, die in einem solchen Raum ihren Niederschlag gefunden haben.

Der Raum einer Kirche verknüpft menschliche Leidenswege und Sehnsüchte mit solchen heilsamen Erfahrungen. Und er verweist auf die atemberaubende Dimension der Ewigkeit, die so vieles relativiert, was uns umtreibt. Wir sind in mehr beheimatet, als in der Dumpfheit des eigenen Ortes.

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