10. Das Abendmahl

Beim Feiern des Abendmahls geschieht Unglaubliches: Der unfassbare Gott begegnet denen, die Brot und Wein empfangen, hautnah, geht ihnen sozusagen in Fleisch und Blut über! Dadurch werden auch die Feiernden untereinander verbunden - unabhängig von den gegenseitigen Sympathiewerten. Wenn es heißt, dass sich im Abendmahl „Vergebung der Sünden“ ereignet, dann ist genau das damit gemeint: Gestörte Beziehungen werden geheilt. Neue Gemeinschaft ist möglich. Wer dieses Mahl so feiert, wird versuchen, im Alltag Trennendes zu überwinden.

Über das rechte Abendmahlsverständnis haben sich Generationen von Theologen den Kopf zerbrochen: Verwandeln sich die Elemente in Leib und Blut Christi oder ist das nur symbolisch zu verstehen? Folgende evangelische Denkhilfe mag hilfreich sein: Beim Abendmahl verändern sich Brot und Wein nicht. Wenn aber die sogenannten Einsetzungsworte gesprochen und Brot und Wein gesegnet werden, verändert sich die Bedeutung der Elemente. Es geht nicht mehr um körperliche Sättigung. Vielmehr dient beides nun dazu, dass der große Gott sich dadurch Menschen schenkt. Brot und Wein sind im wahrsten Sinn des Wortes Lebens-Mittel: Nahrung für die Seele. Das alles lässt sich nicht beweisen. Es ist Vertrauenssache. Und es bleibt ein Geheimnis.

Auf alle Fälle ist das Abendmahl kein Todesgedächtnismahl, das man mit gesenktem Kopf und Trauermiene feiern müsste. Es ist ein Mahl  bewegender Versöhnung, ein Gemeinschaftsereignis, bei dem sich die Feiernden selbst als Leib Christi erfahren können. Der Philosoph Friedrich Nietzsche meinte: „Die Christen müssten mir erlöster aussehen.“ Wenn nicht beim Abendmahl, wann dann?

Noch vor einigen Jahrzehnten war die Feier des Abendmahls in der evangelischen Kirche auf wenige Tage im Jahr beschränkt nach dem Motto: Je seltener, umso kostbarer. Aber um die Liebe zu einem Menschen zu zeigen, küsst man ihn ja auch nicht nur dreimal im Jahr. Man kann sich Gottes Liebe und Zuwendung nicht häufig genug gefallen lassen.

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